Die Mama und die Hure

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Film
Titel Die Mama und die Hure
Originaltitel La Maman et la Putain
Produktionsland Frankreich
Originalsprache Franzosisch
Erscheinungsjahr 1973
Lange 220 Minuten
Stab
Regie Jean Eustache
Drehbuch Jean Eustache
Produktion Pierre Cottrell
Kamera Pierre Lhomme
Schnitt Jean Eustache,
Denise de Casabianca
Besetzung

Die Mama und die Hure (Originaltitel: La Maman et la Putain ) ist ein Film von Jean Eustache aus dem Jahr 1973. Darsteller der Hauptrollen waren Jean-Pierre Leaud , Bernadette Lafont und Francoise Lebrun . Der Film hatte seine Urauffuhrung bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1973 und wurde dort mit dem ?Großen Preis der Jury“ ausgezeichnet.

Handlung [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

?Im Paris der 1970er Jahre, das wie ein Dorf gefilmt ist, leben drei Menschen (ein Mann und zwei Frauen), die einerseits in ihrer Zeit verankert sind, denen ihre Zeit andererseits jedoch als fremd erscheint, in Beziehungen zueinander, die sowohl banal als auch beispiellos sind und die vom Regisseur mit einem schonungslosen Blick erfasst werden.“

? Larousse Dictionnaire du Cinema (1986) [1]

?Alexandre ist ein junger Mußigganger. Er lebt bei Marie, seiner Geliebten. Seine Zeit verbringt er mit dem Herumschlendern in Saint-Germain-des-Pres. Eines Tages begegnet er Veronika, einer jungen Krankenschwester. Er beginnt eine Affare mit ihr, ohne jedoch Marie zu verlassen.“

? ?Presskit“ des Verleihs Les Films du Losange (2022) [2]

?600 Seiten Dialoge und Monologe werden gesprochen, der Film dauert schier endlos lang.“

? Der Spiegel vom 23. Dezember 1973 [3]

Hintergrund [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

  • Die Dreharbeiten fanden im Zeitraum von Ende Mai bis Mitte Juli 1972 statt. [4] Gedreht wurde auf 16-mm-Film in schwarz-weiß mit Originalton [5] und ausschließlich an den Originalschauplatzen : in Cafes und Restaurants, u. a. dem Deux Magots und dem Flore in Saint-Germain-des-Pres und dem Train Bleu in der Gare de Lyon , sowie in Privatwohnungen.
  • Das Spiel der Darsteller kann den Eindruck von Improvisation vermitteln. Tatsachlich hielten sie sich, von minimalen Unterschieden abgesehen, streng an die Dialogtexte, wie sie von Eustache im ?Scenario“ vorgesehen waren. [6]
  • Die Erstauffuhrung des Films in Deutschland fand im Programm des ?internationalen forums des jungen films“ (Berlin, 24. Juni ? 1. Juli 1973) statt. [7] Ende Dezember 1973 / Anfang Januar 1974 lief der Film in Originalfassung mit deutschen Untertiteln ?in allen Dritten Fernsehprogrammen“ der ARD. [8]
  • Der Film wurde spater als Theaterstuck adaptiert. Eine bekannte deutsche Inszenierung ist von Jurgen Gosch 1994 am Schauspielhaus Bochum .

Rezeption [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

Noch ganz unter dem Eindruck der Erstauffuhrung des Films in Cannes im Mai 1973 schrieb Wilfried Wiegand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung :

?Es ist ein Film der totalen Hoffnungslosigkeit, und manchmal drangt sich der Gedanke auf, dies etwa sei der Film, den Bertolucci mit dem Letzten Tango in Paris eigentlich habe drehen wollen. Denn der Film von Eustache ist ohne jeden Zweifel weitaus bedeutender, weil er wahrhaftiger ist. Jean Eustache hatte jenen Mut, den Bertolucci nicht gehabt hat: zugunsten der Wahrhaftigkeit auf Schau und Aktion, Drama und Handlung, Rhetorik und Pathos, mit einem Wort: auf den verlockenden Glanz der Kunst zu verzichten. [...] La Maman et la Putain ist der Film einer Generation, ein epochales Werk, wie es nur alle zehn Jahre einmal entsteht. Durch diesen Film ist das Festival in Cannes zu einem Ereignis geworden.“

? Wilfried Wiegand : Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Mai 1973 [9]

Anlasslich der Ausstrahlung des Films in den Dritten Fernsehprogrammen der ARD im Dezember 1973 / Januar 1974 schrieb der Autor des Spiegel :

?Photographie und Dramaturgie [des Films] wirken außerst spartanisch, banal und monoton. [...] Was diesen Film schon und wichtig macht, erschließt sich in intimen Einzelheiten, in der ungewohnten Freiheit, ohne Eile und Zwang miterleben und mitbegreifen zu konnen, wie jemand erscheint, da ist, atmet, sich außert und verhalt. Diesen unvergleichlich freien und befreienden Blick wahrzunehmen, der in La Maman et la Putain auf Gesichter und Bewegungen, alltagliche, scheinbar bedeutungslose Gesten und Regungen fallt, ihn wie durch ein Vergroßerungsglas wahrzunehmen, wie in Zeitlupe, dieses offene, sanfte und konzentrierte Beobachten, auf das sich Jean Eustache beim Filmen beschrankt, ist letztlich eindrucksvoller und uberzeugender als alles, was sonst in La Maman et la Putain zum Ausdruck kommt.“

? Der Spiegel vom 23. Dezember 1973 [10]

Anlasslich einer Wiederauffuhrung des Films im April 1982 im Filmmuseum Munchen schrieb Frieda Grafe in der Suddeutschen Zeitung :

?Ein abgrundtief reaktionarer Film, fanden die Linken, als er herauskam, und amerikanische Feministinnen: kein Film hat je die Erwartungen der ewig unerwachsenen Manner an die Frauen besser dargestellt. Wie immer man uber die Veranderungen denken mag, die 68 bewirkte, in Frankreich jedenfalls liefen sie, wie immer, auch da, wo es um den Korper ging, uber die Sprache. Es war eine Zeit rhetorischen Terrors, seiner Wirkungen war man sich nicht unbedingt bewusst, aber sicher.“

? Frieda Grafe : Suddeutsche Zeitung vom 27. April 1982 [11]

Das Lexikon des internationalen Films schreibt:

?Der Film gibt eine faszinierende Beschreibung des normalen Verlaufs der Ereignisse ohne die schematische Verkurzung der filmischen Dramaturgie. In seiner gestalterischen wie inhaltlichen Radikalitat ein spater Hohepunkt und zugleich die kritische Selbstliquidierung der franzosischen Nouvelle Vague.“ [12]

Auszeichnungen, Wurdigungen [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

  • 1973: Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes wurde La Maman et la Putain sowohl mit dem ?Großen Preis der Jury“ als auch mit dem ? FIPRESCI-Preis “ der Internationalen Filmkritik ausgezeichnet. [13] [14]
  • 2014: In einer Liste der ?100 schonsten franzosischen Filme“ (?les 100 plus beaux films francais“), die die franzosische Zeitschrift Les Inrockuptibles aus Wertungen von achtzehn Filmredakteuren zusammengestellt hatte, belegte La Maman et la Putain den ersten Platz. [15]
  • 2022: Bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes lief La Maman et la Putain , in Anwesenheit von Jean-Pierre Leaud und Francoise Lebrun, zur Eroffnung der Filmreihe ?Cannes Classics“. [16]

Literatur [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

  • Jean Eustache: La Maman et la putain ? Scenario . Erstausgabe: Cahiers du cinema, Paris 1986, ISBN 2-86642-044-6 . Wiederveroffentlichung: Petite bibliotheque des Cahiers du cinema, Paris 2000, ISBN 978-2-86642-208-0 .
  • Luc Beraud: Au travail avec Eustache . Institut Lumiere / Actes Sud, 2017, ISBN 978-2-330-07253-7 . ? Darin zu La Maman et la putain : S. 31?99. (Beraud war Regieassistent des Films.)

Weblinks [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

Einzelnachweise [ Bearbeiten | Quelltext bearbeiten ]

  1. Das Zitat im Original: ?Dans le Paris des annees 1970, filme comme un village, trois etres (un homme et deux femmes), ancres dans leurs epoque tout en lui etant etrangers, vivent entre eux des rapports a la fois banals et inedits, transmues par l'œil impitoyable du cineastes.“ Hier zitiert nach Paul Ayme: ≪ Declencher la realite ≫ , in: TRAFIC ? Almanach de cinema , P.O.L editeur, Paris 2023, ISBN 978-2-8180-5636-3 , S. 368.
  2. Das Zitat im Original: ?Alexandre est un jeune dilettante oisif. Il vit chez Marie, sa maitresse, et flane a Saint-Germain-des-Pres. Un jour, il croise Veronika, une jeune infirmiere. Il entame une liaison avec elle, sans pour autant quitter Marie.“ Zitiert aus dem ?Presskit“ des Verleihs Les Films du Losange (s. Weblinks).
  3. Online verfugbar bei spiegel.de (abgerufen am 23. Mai 2023).
  4. Paul Ayme: ≪ Declencher la realite ≫ , in: TRAFIC ? Almanach de cinema , P.O.L editeur, Paris 2023, ISBN 978-2-8180-5636-3 , S. 370.
  5. Gesprach auf Radio France uber die in 2022 restaurierte Fassung des Films; Transkription verfugbar bei radiofrance.fr (franzosisch; abgerufen am 23. Mai 2023).
  6. ?Avertissement“ (Warnhinweis) in Jean Eustache: La Maman et la putain ? Scenario , S. 6 (s. Literatur).
  7. Infoblatt zu La Maman et la Putain ; s. Weblinks.
  8. Der Spiegel vom 23. Dezember 2973: Ein Ende in Trauer und Ekel ; online verfugbar auf der Website von spiegel.de (abgerufen am 23. Mai 2023).
  9. Hier zitiert nach dem Infoblatt zu La Maman et la Putain (s. Weblinks).
  10. Online verfugbar bei spiegel.de (abgerufen am 23. Mai 2023).
  11. Wiederveroffentlicht in Frieda Grafe: Ins Kino! Munchner Filmtips 1970?1986 ? Schriften, 11. Band . Brinkmann & Bose, Berlin 2007, ISBN 978-3-922660-98-9 , S. 241.
  12. Die Mama und die Hure. In: Lexikon des internationalen Films . Filmdienst , abgerufen am 25. Mai 2023 .
  13. Siehe ?Presskit“ des Verleihs Les Films du Losange (s. Weblinks).
  14. Pour le cinema: Autour de “La Maman et la putain” (s. Weblinks); Preisbekanntgabe: 9:40.
  15. Vollstandige Liste der ? gemaß Les Inrockuptibles vom 5. Marz 2014 ? ?100 plus beaux films francais“ auf der Website von lesinrocks.com (franzosisch; abgerufen am 24. Mai 2023).
  16. Adrien Gombeaud: ≪ La maman et la putain ≫ : Eustache renait au Palais ; online verfugbar bei lesechos.fr vom 18. Mai 2022 (franzosisch; abgerufen am 23. Mai 2023).